Freiheit durch Freiraum?

Goethe hat einmal gesagt, man könne nur dann ein Mann werden, wenn man ein Haus gebaut, ein Buch geschrieben und einen Baum gepflanzt hat. Bei Danny Boyle heißt es lakonisch: Frau kriegen, Haus kriegen, Hund kriegen. Beiden gemeinsam ist, dass der Hausbau als wichtiger Faktor im Heranreifen begriffen wird.
Dabei ist jedoch der wesentliche Unterschied, dass Goethe noch unbedarft Steine aufeinander setzen wollte. Boyle muss sich Genehmigungen geben lassen, muss Finanzierungspläne darlegen und Expertenmeinungen einholen. Daher hat Goethes Konzept auch den Schwerpunkt auf individuelle Entfaltung gelegt. Der Baum begleitet im Wachstum die eigene Reifung, das Buch dokumentiert sie und das Haus bildet das Fundament. Boyle hingegen karikiert den Aspekt des Biedermeierlichen und Eingezwängten. Anders gesagt: Boyle muss auf Bauunternehmen zurückgreifen.
Wer gewinnt und wer verliert?
Allerdings lässt sich daraus allein niemals der kritische Unterton verstehen. Schließlich sind die architektonischen Fortschritte seit Goethe unbestritten. Wer ein Haus bauen will, muss sich die Hilfe von ausgebildeten Fachkräften suchen. Die Bauunternehmen sind notwendig. Ohne ihr Mitwirken wird der Hausbau schlichtweg nicht genehmigt. Genau an diesem Punkt setzt die Kritik ein. Wer sich ein Haus baut, der verbürgerlicht. Darunter fällt die Freigabe der Freiheit, indem eben Genehmigungen eingeholt werden müssen. Wer ein Haus baut, macht sich abhängig von Behörden, von Unternehmen und vom Arbeitgeber. Das wollte Boyle kritisieren.

bauunternehmen_by_Rainer-Sturm_pixelio.de

Die Preisgabe der Freiheit also durch mehr Freiraum, eine paradoxe Situation. Es ist im Grunde genommen aber ebenso paradox, dass trotz der Weltwirtschaftskrise die großen Bauunternehmen jedes Jahr stetige und enorme Gewinne verzeichnen. Der deutschlandweite Umsatz aller Baufirmen beträgt derzeit ca. 90 Milliarden Euro. Auf diesen Zug springen auch immer mehr Firmen auf. Der Markt boomt weiterhin, ungeachtet der apokalyptischen Warnungen von Finanzexperten. So gibt es auch bei einem bekannten Immobilienanbieter eine Suchmaschine für regionale Bauunternehmen. Die Unübersichtlichkeit des Marktes macht derlei Suchmaschinen zur Orientierung notwendig.
Das wiederum zeigt, dass viele Menschen sich den Traum der kleinen Freiheit verwirklichen wollen. Dass dabei häufig der eigentliche Aspekt der Freiheit, nämlich die weitestgehende Unabhängigkeit von äußeren Bedürfnissen, konterkariert wird, ist den meisten nicht bewusst. Die Werbung sagt: Bau dein Haus und werde unabhängig; die Realität sagt: Bau dein Haus und mach dich abhängig.

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